FUNDRAISING-PRAXIS

Charity-Stream – einfach ausprobieren!

Prominentes Videospielen für den guten Zweck
Prominentes Videospielen für den guten Zweck

Eigentlich ist es ganz einfach. Mit einem Handy und Social-Media-Account kann jeder live streamen, doch wer will das schon sehen? Und dann auch noch Spenden dabei sammeln? Wir zeigen wie man Charity-Streams zum Erfolg macht.

Nicht erst seit der Zwangsdigitalisierung durch Corona sind Charity-Streams ein Renner. Björn Lampe von betterplace stellte im April bei einer Veranstaltung von sozialmarketing.de eine Auswertung der Charity-Streams der letzten zwei Jahre vor und stellte fest, dass diese Streams im Schnitt 3.000 Euro zusammenbrachten. Die Durchschnittsspende lag bei 27 Euro. Darunter waren allerdings auch die millionenschweren Spendenevents „Friendly Fire“ und „Loot für die Welt“ mehrerer sehr bekannter Gamer und Influencer, die von betterplace schon länger begleitet werden. Denn Gamer und Influencer sind nicht gemeinnützig. Sie suchen sich ihre Projekte heraus, und betterplace kümmert sich um die Spendenabwicklung. Aktuell sind laut der Spendenplattform 95 Prozent der Streams eher von Influencern, Youtubern oder Gamern initiiert.


Reichweite braucht der Stream

Der Grund ist, dass man für einen sehr erfolgreichen Stream auch viele interessierte Menschen erreichen muss. Hier sehen Vereine und Stiftungen eher alt aus. Nur wenige haben Millionen Facebook- oder Youtube-Fans. Deshalb arbeiten NGOs auch mit Gamern und Influencern zusammen, um so ein Spendenevent erfolgreich zu kreieren. Dafür sollte man die Gamer- und Influencer-Szene verfolgen und dann auf das Management der Internet-Stars zugehen. Die „Deutsche Knochenmark Spenderdatei (DKMS)“ hat das in den letzten Jahren konsequent ausgebaut und tritt sogar mit E-Sport-Größen auf. Sie wird dabei allerdings auch von der Münchner Agentur Gallafilz unterstützt.
„Nicht jeder hat auch das richtige Live-Format für einen Stream“, gibt Katja Mittag zu bedenken. Sie betreut die Charity-Streams bei betterplace. „Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwarten einen Mehrwert und möglichst auch die Möglichkeit, den Stream durch ihre Spende oder Interaktion im Stream-Chat mitzugestalten“, erläutert die Expertin. Das heißt zum Beispiel, dass erst ab einer gewissen Spendensumme etwas Neues im Stream passiert. Um das etwas interaktiver und lebendiger zu gestalten, hat betterplace eine Overlay-Technik entwickelt, die auf das Live-Video Spendenstände, Reaktionen oder auch die Namen der Spender und ihre Spendensumme ausspielen kann, wie man es auch von Charity-TV-Galas kennt. Gespendet wird dabei aber an die gut.org AG, gemeinnütziger Träger von betterplace, und nicht an den Verein. An ihn wird das Geld nur weitergeleitet. 2,5 Prozent jeder Transaktion gehen an die Plattform, die dafür aber auch Zuwendungsbestätigung und Abwicklung übernimmt.
Als NGO muss man dafür bei betterplace eine Spenden-Aktionsseite einrichten, und schon kann es losgehen. Diese wird dann bei der Einladung zum Stream gleich verlinkt. Wichtig ist es, mindestens vier Wochen im Vorfeld schon mit der Einladung zu beginnen und auch permanent zu erinnern. Eine letzte „Nicht verpassen!“-Mail eine Stunde vor dem Stream ist nicht unüblich. Ein Charity-Stream ohne Online-Spendentool ist auf jeden Fall ein Flop. Das Einblenden einer IBAN reicht nicht. Keiner notiert sich sowas. Es muss bequem sein.


Technik nicht zu unterschätzen

Anspruchsvoller ist da die technische Frage. Technisch sind Live-Streams heute eigentlich kein Problem, jede Handykamera kann das. Plattformen wie Twitch, Youtube, Instagram oder Facebook haben diese Funktion. Was man braucht ist also eigentlich nur ein kostenfreier Account. Will man es anspruchsvoller, steigt der Aufwand in vielerlei Hinsicht. Normalerweise braucht man eine Kamera, Tontechnik (Mikro) eine Streaming-Software und manchmal auch ein Audio-Interface, wenn man mit mehreren Audio-Quellen arbeiten möchte, beispielsweise mit verschiedenen Menschen, die zu Wort kommen sollen. Bei der Software ist die kostenfreie Software OBS-Studios sehr beliebt, die unter Windows, Mac und Linux läuft. Auch Stream-Labs ist sehr beliebt und ebenfalls kostenfrei. Twitch bietet eine eigene Lösung an: Twitch Studio. Dafür gibt es sein sehr gutes Tutorial von der Fachzeitschrift ct. Alle Programme beinhalten auch die sogenannte Overlay-Technik, die auch für Spendenbarometer eingesetzt werden kann. Bei Stream-Labs heißt sie „Goalwidget“.
Die Kamera sollte einen USB-Webcamtreiber haben, damit sie sich problemlos mit der Streaming-Software verbinden lässt. Das alles braucht man aber nur, wenn man als NGOs selbst streamen möchte. Normalerweise ist das der Part der Initiatoren, die damit oft weniger Probleme haben.
Ein Beispiel war das Fifa20-Turnier mit bekannten Fußball-Profis, das Ende März virtuell stattfand. Der ehemalige Eintracht-Trier-Spieler Daniel Hammel initiierte das Turnier mit der Spiele-Software FIFA, bei dem 23 weitere Profi-Fußballer – jeweils für ihre Mannschaft – mitspielten. E-Sport-Begeisterte konnten das Spiel auf dem YouTube Kanal von Meti Volkan live verfolgen und spenden. Die Erwartung war eigentlich niedrig und lag bei nur 1.000 Euro, erzählt Volkan im Interview mit Rheinkick.tv. Insgesamt kamen über betterplace aber 10.000 Euro an Spenden für das Kinderhilfswerk Arche zusammen.


Zielgruppe wächst

„Die Zielgruppe für solche Streaming-Events ist eigentlich jünger. Ich erlebe aber gerade, dass sich auch ältere Zielgruppen beispielsweise gestreamte Konzerte ansehen. Vieles ist heute selbstverständlicher geworden“, macht Katja Mittag Mut, es auszuprobieren. Positives Beispiel ist die Organistin Iveta Apkalna, die Werke von Johann Sebastian Bach und Philip Glass spielte und aus dem Dortmunder Konzerthaus streamte. 4.000 Euro gingen auf diesem Weg von den Zuschauern als Spende an den Nothilfefonds der deutschen Orchesterstiftung. Zukünftig sollen auch weitere solcher Veranstaltungen für Liebhaber der Klassik stattfinden.
Gerade aktuell würden Fehler oder Bildruckler sogar eher verziehen. Laut Katja Mittag erwarten die Zuschauer nicht unbedingt die Top-Qualität. „Authentizität ist viel wichtiger“, so die Expertin. Selbst bei den Kirchen ist das Thema angekommen. Gestreamte Live-Gottesdienste mit einer E-Kollekte sind keine Utopie mehr, sondern bereits Wirklichkeit.

(Bild: FIFA-20Turnier 2020)

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