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NGOs führen nur Männer

Der Traum von der Karriere ist für Frauen in NGOs schnell ausgeträumt.
Der Traum von der Karriere ist für Frauen in NGOs schnell
ausgeträumt.

Es ist kein Geheimnis, dass viele NGOs von Mitarbeiterinnen geprägt werden. Wie der FAIR SHARE-Monitor aber feststellt, spiegelt sich das viel zu wenig in Führungspositionen wider. Die sind meist von Männern besetzt. Dabei sind die Startpositionen für Frauen und Männer eigentlich gleich.
Die Ergebnisse des ersten nationalen FAIR SHARE-Monitors, der die Repräsentation von Frauen in Führungspositionen in 84 großen deutschen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Stiftungen untersuchte, sind ernüchternd. Der Verein Fair Share of Women Leaders e.V. hat diese Untersuchung nach zwei internationalen Studien nun zum ersten Mal für Deutschland durchgeführt.


Männerdomäne Zivilgesellschaft

Noch immer werden 93 Prozent der großen NGOs überwiegend von Männern geführt. Nur drei der untersuchten Organisationen haben einen angemessenen Frauenanteil in den Leitungsgremien: Teach first Deutschland, Campact und Save the Children. Die deutschen Stiftungen schneiden nicht viel besser ab: In etwa 88 Prozent haben noch immer vorwiegend Männer das Sagen. Fast die Hälfte der Stiftungen glaubt, in ihrer Geschäftsführung ganz ohne Frauen auszukommen und immerhin 10 Prozent verzichten komplett auf Frauen auf der Leitungsebene, sowohl in ihrer Geschäftsführung als auch in ihrem Aufsichtsgremium.

Doch was ist ein angemessener Frauenanteil? Vereinsvorständin Helene Wolf von FAIR SHARE of Women Leaders klärt auf: „Normal wäre ja fifty/fifty, aber da in dem Sektor überwiegend Frauen arbeiten, müsste sich ein Fair Share auch in dem Anteil in den Leitungsgremien viel deutlicher zeigen. Kurz gesagt ist es sogar so, dass in dem von uns untersuchten zivilgesellschaftlichen Sektor die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz weit verbreitet und das Bewusstsein für die Situation und die Bereitschaft, darauf zu reagieren, sehr gering ist.“
Dabei sind Frauen wie Männer hervorragend ausgebildet, wenn sie die Universität verlassen. Doch dann greifen gesellschaftlich noch fest verankerte Automatismen, die es Frauen schwer machen, Führungspositionen zu erlangen. Das fängt bereits bei der Bewerbung an. In Ausschreibungen werden gerade Karrierewege bevorzugt. „Ein Mann wird sich auf eine Stellenanzeige, die viel Erfahrung vorsieht und viele Qualifikationen als Voraussetzung für die Bewerbung definiert, schon bewerben, wenn er nur 80 % der Kriterien erfüllt. Eine Frau, wenn sie sich zu 120 % sicher ist, alles zu erfüllen“, erläutert Wolf. Für Frauen müssen Stellenangebote also weiter gefasst und offen für diverse Karrierewege und Führungsqualitäten sein. Auch sollten für die ausgeschriebenen Positionen immer gleichviel Männer und Frauen angeschaut werden.

Frauenkarrieren mehr fördern

Für Wolf müssen hier auch dicke Bretter gebohrt werden, um den Frauenanteil in der Führung zu erhöhen. „Ich glaube, es geht hier auch um eine Umverteilung von Macht, und dafür müssen sich Organisationsstrukturen ändern. Die Frauen-Lücke ist so groß, dass man das nicht per Schönheitsreparatur umbesetzen kann.“ Es müsse darum gehen, Organisation so zu verändern, dass Frauen in ihren Karrierewegen nicht behindert werde. „Die Motivation, das anzugehen, ist aber eher gering“, stellt die Expertin fest. Als Beispiel nennt sie die Herausforderung, Männern wie Frauen die Möglichkeit zu eröffnen, ihre Kinder adäquat zu betreuen und trotzdem für die Familie da zu sein. „Diese Chance sollte man gerade bewusst auch Männern vor Augen führen.“

Für Wolf geht es aber nicht nur um Gleichberechtigung. Sie sehe auch die Potenziale, welche die NGOs verschenken, wenn sie nur direkte Karrierewege im Blick haben, anstatt auch neue Wege zu gehen und sich von klassischen Führungsstrukturen zu lösen. „Klassischer Alleskönner zu sein, ist doch auch für Männer heute zu viel verlangt“, so Wolf. Flexiblere Führungsmodelle, Teamfähigkeit und auch geteilte Führungsrollen sind die Zukunft. „ So verpassen sie auch nicht, die vielen gut ausgebildeten Frauen einzustellen, die sie mit klassischen Führungsrollen kaum mehr erreichen können.“ Für Wolf ist aber auch klar, dass sich Frauen etwas mehr zutrauen müssen. „Sie kämpfen dabei aber auch gegen ein vorherrschend männliche Führungskultur, Sozialisation und deren Netzwerke an.“ Angesichts des Fachkräftemangels ist es für sie aber fahrlässig, wie man gut ausgebildete Frauen außen vorlässt, indem man ihnen Aufstiegschancen verbaut.

Thema wird noch zu sehr ignoriert

Viele Organisationen weigern sich sogar, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass ihre Mitarbeiterinnen weit schlechtere Aufstiegschancen haben als ihre Mitarbeiter. Fast die Hälfte (48,2 %) der angesprochenen Organisationen verdrängt laut FAIR SHARE-Monitor das Thema und ignorierte die Anfragen des Vereins. Und selbst viele derjenigen, die antworteten, sind der Meinung, sie täten schon genug oder sehen überhaupt keinen Handlungsbedarf. So schrieb etwa der Geschäftsführer einer Organisation, in der Männer 28-mal so gute Aufstiegschancen haben wie Frauen, dass er keine Veranlassung sieht, eine Selbstverpflichtung abzugeben, Frauen in Zukunft bessere Aufstiegschancen einzuräumen.

Es ist diese Ignoranz, der der Verein mit seinem FAIR SHARE-Monitor entgegenwirken will. Denn es gibt auch gute Beispiele. ADRA, Campact, CARE, Islamic Relief, Oxfam, Teach First und terre des hommes haben gegenüber Fair Share eine Selbstverpflichtung abgegeben, bis spätestens 2030 einen angemessenen Frauenanteil in ihren Führungsgremien zu gewährleisten. Bei den Stiftungen ist es nur die Heinz Sielmann Stiftung, die das getan hat.

Deutschland kein Vorbild

Die Defizite der deutschen Organisationen werden besonders deutlich, wenn man die Lage mit internationalen Daten vergleicht. Während in Deutschland nur 9,6 Prozent der Organisationen einen fairen Frauenanteil auf der Führungsebene haben, sind es international 48,4 Prozent. Damit ist die Zahl der Organisationen mit einem fairen Frauenanteil international fünfmal so hoch wie in Deutschland. Die Bereitschaft, diesen Missstand zu überwinden, ist international sogar siebenmal so groß wie hierzulande: Den 8,4 Prozent deutscher Organisationen, die sich zu einem fairen Frauenanteil in den Führungspositionen verpflichtet haben, stehen 58,1 Prozent auf internationaler Ebene gegenüber. Deutschland hat hier faktisch schon den Anschluss verloren.

Dem ist aber Abhilfe zu schaffen, indem Frauen und andere bisher unterrepräsentierte Gruppen auf Führungsaufgaben vorbereitet und in die entsprechenden Positionen befördert werden. „Ein gutes Weiterbildungsangebot und gezielte Stärkung von Frauen für Führungspositionen kann hier Abhilfe schaffen und den NGOs starke Führungspersönlichkeiten sichern“, gibt Wolf den Kurs vor. Deshalb will der Verein auch Peer Groups schaffen, in denen sich Organisationen über frauenfreundliche Führungsstrategien und gute Praxis austauschen können.

(Bild: pxhere)

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Kommentar von Ulrich Wilk |

Das ist bitter und hätte ich so nicht gedacht. Manchmal mag die geringe Frauenquote aber auch am Thema der NGO liegen.

Beim VCD Verkehrsclub Deutschland (damals Initiator der BahnCard) zieht sich der Männerüberhang durch alle Ebenen. Das liegt dort aber daran, dass das Thema "Verkehr/Verkehrspolitik" offensichtlich für Frauen nicht erste Wahl ist. Auf der Ebene der Ehrenamtlichen im Landesverband oder bei den Kreisverbänden ist das ähnlich.

Das soll natürlich hier keinesfalls etwas relativieren, ist aber ein Gedanke, der mit gekommen und durch über 25-jährige ehrenamtliche Tätigkeit in den entsprechenden Vorständen bestätigt ist. Immerhin ist schon mehrere Jahre eine Frau Bundesgeschäftsführerin. Dennoch ist da überall noch viel Luft nach oben.