AKADEMISCHES

Ethik? Jetzt erst recht!

Werte muss man leben – gerade im Fundraising!
Werte muss man leben – gerade im Fundraising!

Viele Fundraiserinnen und Fundraiser erleben die aktuelle Zeit als besondere Herausforderung.
Veranstaltungen fallen aus, Projekte werden zurückgestellt, und die mittel- bis langfristigen Folgen der Corona-Pandemie – vor allem für die eigene Organisation – sind kaum abzuschätzen. Ja, auch die berufliche Zukunft ist für einige von uns plötzlich ungewiss.
Dabei kann schon ein Wechsel der Blickrichtung die Chancen sichtbar machen, die uns diese Pandemie bietet. Eine Beschäftigung mit der Ethik ist somit ein „erfolgversprechendes Antidepressivum“ zur Bekämpfung des Corona-Blues bei uns Fundraisenden.
Denn jetzt kommt unsere Zeit – und die Ethik hilft uns dabei!


Ethik – die Lehre vom Guten

So lässt sich zusammenfassen, womit Philosophen, Theologen und andere Geisteswissenschaftler seit über zweitausend Jahren beschäftigt sind. Dabei geraten die Begriffe ‚Ethik‘ und ‚Moral‘ auch schon mal durcheinander, wobei sie doch den gleichen etymologischen Hintergrund haben. So wird die Ethik als die Wissenschaft der Moral angesehen, während Letztere wiederum für die Ethik den praktischen Rahmen durch ein System von Normen schafft.
Eine weitere sprachliche Unzulänglichkeit stellt die Verwendung des Begriffes „unethisch“ dar. Denn solcherlei bezeichnete Verhaltensweisen betreffen ja meist gerade die Ethik. Wer diesen Begriff verwendet, will damit vielmehr den Widerspruch des beschriebenen Sachverhaltes zum eigenen ethischen Kompass und seinem oder ihrer Sicht auf die Dinge zum Ausdruck bringen.


Gibt es überhaupt die eine Ethik?

Aufgrund der bereits beschriebenen Historie gibt es eine Vielzahl an Betrachtungsweisen, Blickwinkel und Perspektiven, mit der sich auf die Ethik schauen lässt und womit sich unzählige Köpfe und Lehrstätten auseinandergesetzt haben. Sie zu beschreiben, einzuteilen und in unterschiedliche Ebenen aufzusplitten bleibt auch weiterhin Sache der Wissenschaft. Für unsere Arbeit im Fundraising sind folgende Begrifflichkeiten in den Blick zu nehmen:
So beschreibt die Deskriptive Ethik, welche Moralen und ethischen Grundhaltungen es überhaupt gibt. Sie nimmt ebenso deren Funktionsweisen in den Blick, ohne diese zu bewerten.
Die Metaethik fragt nach dem Zustandekommen moralischer Systeme und beschäftigt sich mit dem Status der Begriffe, Aussagen und Argumentationen der einzelnen -ismen in der Ethik.

Für die Praxis bedeutsam sind die Unterscheidungen innerhalb der Normativen Ethik, die die jeweiligen Grundhaltungen oder Moralen begründen. Während sich darin die Tugendethik auf die grundsätzliche Gesinnung bezieht, geht es bei der Deontologie um das eigentliche Handeln. Die Teleologie schließlich schaut auf die Konsequenzen eben dieser Handlung.
Die letzten beiden Begriffe ließen sich auch noch unter der Verantwortungsethik zusammenfassen, welche sich der tugendfokussierten Gesinnungsethik gegenübersieht.


Praktische Fragen der Ethik

Mithilfe dieser Einteilung und jenseits der unzähligen ethischen Grundregeln, Kodizes und Leitlinien sollten wir Fundraisende uns für unsere berufliche Praxis also die folgenden Fragen stellen:
Mit welcher Motivation gehen wir in der kommenden Zeit an unsere Projekte heran? Kennen und leben wir unser WARUM, und gilt das auch für diejenigen, die wir vor Ort beraten? Sind wir von unserer Arbeit, unseren Projekten und unserem Ziel ansteckend begeistert?
Welche Werkzeuge sind unter den aktuellen Umständen geeignet? Wie sieht unser Fundraising praktisch aus und wozu raten wir?
Sind wir uns der Ziele hinter den einzelnen Projekten bewusst? Machen wir Wirkung und Ergebnis unserer Arbeit sowie den Nutzen für die Empfänger ausreichend transparent?


Fundraising-Ethik in diesen Zeiten

Uns Fundraisenden muss klar sein, dass in den kommenden Wochen und Monaten Ethik eine zunehmend wichtige Rolle einnehmen wird. Und das gleich in zweierlei Hinsicht:
Einerseits werden sich die Stimmen mehren, die mit Verweis auf die Ethik davon abraten, kurz- bis mittelfristig um Spenden zu bitten. Unabhängig von den gewählten Plattformen und Zielgruppen werden sie dieses für unangemessen oder unanständig halten. Diese Haltung wird nicht vor Leitungspersonen in den Organisationen haltmachen und so eine Herausforderung für unseren Berufsstand darstellen. Hier wird wohl eine unaufrichtige Gesinnung bei uns Fundraisern angenommen und/oder die Spendenbitte gleich als anrüchig und unappetitlich angesehen.
Andererseits kann uns Fundraisenden die Ethik nun genau die Argumente liefern, die einem kraftvollen und zuversichtlichen „Jetzt erst recht!“ Inhalt und Gewicht geben: Wer Fundraising ethisch verantwortlich betreiben möchte, ist gefordert, jetzt aktiv zu werden. Andersherum: Ethisch nicht vertretbar handeln jetzt diejenigen, die kein Fundraising betreiben! Jetzt kommt die hohe Zeit des Fundraisings!


Die aktuellen Rahmenbedingungen

Die Einschränkungen der Corona-Pandemie wirken sich gleich auf mehrere Bereiche aus.
So ist das gesellschaftliche Zusammenleben auf ein Mindestmaß reduziert. Begegnung und Austausch beschränken sich im Wesentlichen auf Online-Kontakte. Auch, wenn wir mittlerweile einzelne Menschen aus unserem beruflichen und privaten Umfeld treffen können, so wird zum Beispiel nach wie vor dringend von Besuchen bei Älteren abgeraten.
Zudem sind Konzerte und Veranstaltungen abgesagt, und auch Gottesdienste finden nur unter sehr gewöhnungsbedürftigen Rahmenbedingungen statt.
Corona lässt also vermissen, was vorher wie selbstverständlich da war, aber eben kaum mehr wahrgenommen und vor allem wertgeschätzt wurde. Gerade Projekte, die den Erhalt und Ausbau bestehender Strukturen zum Ziel haben, können hier andocken. Beispiele hierfür sind Bauvorhaben oder Betreuungsangebote für spezielle Zielgruppen.
Aber auch die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Zwangspause sind immens. Dabei stecken hinter den betroffenen Branchen immer auch zahlreiche Arbeitgeber und -nehmer mit ihren Familien, die von Einnahmeausfällen, Kurzarbeit und Stellenstreichungen betroffen sind.
Dagegen ist unsere Top-Spenderzielgruppe der über Siebzigjährigen zum größten Teil wirtschaftlich überhaupt nicht von dieser Krise betroffen. Sie sparen derzeit eher Geld, weil Freizeit und Urlaub stark eingeschränkt oder überhaupt nicht möglich sind. Ihnen stehen somit zusätzliche liquide Mittel zur Verfügung.
Da sie ob dieser Tatsache eine tiefe Dankbarkeit empfinden, wollen sie vielmehr etwas zurückgeben. Dem stehen jedoch die Forderungen in manchen Organisationen und Institutionen entgegen, dass „man“ ja derzeit aufgrund der aktuellen Situation nicht auch noch nach Geld fragen, geschweige denn Nachlassfundraising betreiben dürfe.
Dabei hat diese Krise doch gerade Menschen jenseits der 60 die eigene Endlichkeit noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt. Als Konsequenz liegt der Wunsch nach dem Regeln des letzten Willens quasi auf der Hand.
Und was heißt das praktisch? Wir müssen transparent machen, wo, wie und vor allem warum wir mit unseren Projekten und Initiativen genau das realisieren und sicherstellen, was gerade besonders fehlt und so schmerzlich vermisst wird. Dazu gilt es, eben jene Personen in den Mittelpunkt zu stellen, die von unserer Arbeit am meisten profitieren. Betrachten wir uns – ganz plakativ – als Geldboten“ zwischen Spendern und Bedürftigen und vernachlässigen dabei einmal unsere Organisation. Je schärfer wir den Fokus auf die Empfangenden richten, je klarer der Blick auf sie wird, desto stärker üben sie mit ihren aktuellen Bedürfnissen eine Anziehungskraft auf die Zuwendenden und deren Gaben aus.

Die aktuelle Krise zeigt also, wie wichtig die Werte ‚Zusammenhalt‘, ‚Gemeinschaft‘ und ‚Solidarität‘ sind. Kirchen und wohltätige Organisationen stehen dafür. Unsere Aufgabe als Fundraisende ist es daher nun, dies in Bilder und Worte zu fassen und für Unterstützung zu werben. Dies bedeutet, dass sich der bisher übliche Versand von Mailings an alle verfügbaren Adressen in der kommenden Zeit verbietet. Vielmehr ist das Gebot der Stunde, Zielgruppen stärker abzugrenzen. Sei es über die Selektion nach anzuschreibenden Milieus oder die Konzeption besonderer Kommunikationsformen zur gezielten Spenderansprache. Mehr an Bedeutung gewinnen wird die Königsdisziplin im Fundraising, das persönliche Spendergespräch.
Gehen wir also mit Tatendrang und Zuversicht daran, unsere Projekte denjenigen zu präsentieren, die derzeit besonders gerne geben.

Harald Schilbock (51) ist Fundraising-Manager (FA) und seit 25 Jahren für verschiedene Organisationen ehrenamtlich sowie inzwischen hauptamtlich als Fundraiser in den Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreisen Celle und Soltau tätig.






(Quelle: Latra - Fotolia.com)

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